Verflechtung, Gewebe und digitale Pathologien
Donna Haraway und Vilém Flusser gehören zu jenen Denker:innen, die früh gezeigt haben, dass die moderne Vorstellung eines autonomen, souveränen Individuums brüchig geworden ist. Beide beschreiben sie eine Welt, in der Identität nicht mehr isoliert gedacht werden kann, sondern relational — als Teil von Netzwerken, Verbindungen und gegenseitigen Hervorbringungen.
Während Haraway diese Verflechtungen vor allem biologisch, technologisch und multispezifisch denkt, analysiert Flusser ihre mediale und kommunikative Struktur. Interessant wird diese Verbindung meines Erachtens dort, wo sie mit Fragen künstlerischen Wahrnehmens zusammentrifft.
Donna Haraway: Das Tentakuläre des Chthuluzäns
Donna Haraway entwickelt das Chthuluzän als Gegenmodell zum Anthropozän. Dabei kritisiert sie die Vorstellung, der Mensch sei das zentrale handelnde Subjekt der Erdgeschichte und könne ökologische Krisen technisch kontrollieren oder verwalten.
Sie bietet uns eine Welt der Verflechtung, in der Menschen, Tiere, Mikroben, Maschinen, Pflanzen und technische Systeme nicht getrennt voneinander existieren, sondern in gegenseitigen Beziehungen stehen. Haraways Denken ist vor diesem Hintergrund vom Bild des Tentakulären geprägt. Tentakel tasten, verknüpfen und reagieren – sie verbinden ohne eindeutiges Zentrum. Das Tentakel wird damit zur Metapher einer Existenzform, die nicht auf Autonomie basiert, sondern auf wechselseitiger Abhängigkeit. Ihr Begriff des „making kin“ beschreibt genau diese Form relationaler Existenz. Verwandtschaft bedeutet hier nicht biologische Abstammung, sondern geteilte Lebensbedingungen und Ko-Existenz. Das Subjekt ist bei Haraway deshalb niemals abgeschlossen. Es entsteht erst durch seine Beziehungen.
Vilém Flusser: Die Gewebegesellschaft
Auch Vilém Flusser beschreibt den Übergang von stabilen, hierarchischen Ordnungen zu vernetzten Kommunikationssystemen. Für ihn verwandelt sich die industrielle Gesellschaft zunehmend in eine „telematische Gesellschaft“.
Die klassische Moderne organisiert sich nach Flusser:
- linear,
- zentralisiert,
- bürokratisch,
- hierarchisch.
Die telematische Gesellschaft dagegen funktioniert als:
- Netz,
- Gewebe,
- Kommunikationsfeld.
Nicht einzelne stabile Subjekte stehen im Zentrum, sondern:
- Knoten,
- Schnittstellen,
- Informationsflüsse,
- Programme.
Das Bild des Gewebes ist dabei entscheidend. Ein Gewebe besitzt keine absolute Mitte; seine Stabilität entsteht aus Verknüpfungen. Doch Flusser bleibt skeptisch: was hier entsteht erzeugt nicht automatisch Freiheit. Hier wird kontrolliert, programmiert, standardisiert und absorbieren.
Flusser fragt:
Wer programmiert das Gewebe?
In der rechtswissenschaftlichen Theorie wird das hochaktuell für digitale Plattformen, algorithmische Steuerung und permanente Vernetzungsstrukturen.
Bei Haraway erscheinen Verflechtungen häufig produktiv:
als Ko-Existenz, als gegenseitige Hervorbringung oder als sympoietisches Mit-Werden.
Pathologie der Verflechtung
Dieser Gedanke könnte im Gegenzug auch auf die Möglichkeit eines misslingenden Entanglements verweisen. Die digitalen Verbindungen wirken dann nicht befreiend, sondern invasiv. Information erscheint nicht mehr als Kommunikation, sondern als Ablagerung. Etwas wächst unkontrolliert, verdichtet sich und beginnt den Organismus zu deformieren. Die Tentakelhaftigkeit kippt ins Dysphorische. Nicht symbiotische Verflechtung sehen wir dann, sondern toxische Überwucherung. Es entsteht ein Bild überreizter Netzexistenz:
- permanente digitale Reizung,
- Informationsüberflutung,
- algorithmische Durchdringung,
- psychische Sedimentierung von Datenströmen.
Flusser warnte davor, dass Menschen in technischen Apparaten zu Funktionen von Programmen werden könnten.
Sie erscheint:
- nicht mehr autonom,
- sondern vom Informationsgewebe geformt,
- übercodiert,
- psychisch durchdrungen von Daten.
Aus meiner Sicht erscheint die Konzeptionen von Gegenfiguren ein wichtiger Beitrag künstlerischen Denkens, um euphorische Netzwerkutopien zu ergänzen. Während Verflechtung oft positiv besetzt wird, werden wir erinnert: Auch Gewebe können krank werden. Und vielleicht liegt genau darin die theoretische Stärke dieses Gedankens, denn es zeigt die Pathologien digitaler Relationalität.
In diesem Zusammenhang ließe sich etwa auf die Kasperlfiguren des österreichischen Künstlers Franz Ringel verweisen. Ringels deformierte, groteske und oft zwischen Komik und Bedrohung oszillierende Figuren erscheinen rückblickend beinahe als frühe Vorwegnahmen jener psychischen und medialen Pathologien, die heute im Kontext digitaler Netzwerke diskutiert werden. Seine Kasperlgestalten wirken nie stabil oder souverän; sie sind überreizt, fragmentiert, nervös und von inneren wie äußeren Kräften durchdrungen. Gerade dadurch entstehen bemerkenswerte Parallelen zu den hier beschriebenen Formen tentakulärer oder informationeller Verflechtung.

Interessant ist dabei, dass Ringels Figuren noch aus einer analogen Bildwelt stammen und dennoch bereits jene Auflösung des autonomen Subjekts sichtbar machen, die Haraway theoretisch als relationale Existenz beschreibt und Flusser medienphilosophisch analysiert. Die Körper erscheinen bei Ringel wie psychische Oberflächen, auf denen gesellschaftliche, mediale und existentielle Spannungen eingeschrieben sind. Seine Kasperlfiguren sind keine souveränen Individuen, sondern vielmehr deformierte Knotenpunkte affektiver und sozialer Kräfte.
Abb: Franz Ringel, „Experiment“, 1974.
Durch die Kasperlfiguren erfahren wir etwas:
- Soziales,
- Identifizierbares,
- Kulturell Codiertes.
Wir sind nicht mehr allein mit einem digitalen oder organischen Wesen verbunden, sondern beinahe mit einem Subjekt innerhalb einer medialen Konsum- und Unterhaltungswelt.
Im Kontext der bisherigen Haraway-/Flusser-Lesart wird das besonders aufschlussreich.
Man erkennt in der Pathologie der Formen etwas Menschliches und Soziales – etwas, das für uns das Chthuluzän begreifbarer macht. Und vielleicht liegt genau darin die Irritation.
Literatur- und Quellenhinweise
Donna Haraway: Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene.
Duke University Press, Durham 2016.
A Cyborg Manifesto
Donna Haraway: „A Cyborg Manifesto“ in: Simians, Cyborgs and Women.
Routledge, New York 1991
Vilém Flusser: Ins Universum der technischen Bilder.
European Photography, Göttingen 1985.
Vilém Flusser: Kommunikologie weiter denken. Die Bochumer Vorlesungen.
Fischer, Frankfurt am Main 2009.
Abb: Elisabeth Hödl, 2026
