Gespräche zwischen Tag und Nacht

Zur Philosophie des Erzählens im digitalen Zeitalter. Gespräche tragen einen doppelten Charakter: Am Tag dominieren Vernunft, Zweck und Ordnung, in der Nacht öffnen sich Räume für Mythen, Symbole und Geschichten.

Der Tag – Rationalität und die Spur von π

Im Tageslicht sprechen wir über Beschwerden, über das Wirtschaften, über Rechte. Es ist die Sprache des Kalküls, der Argumente, der Zweckmäßigkeit. Der Tag folgt einer unendlichen Ordnung, vergleichbar mit der Zahl π:
3,1415926535… – eine Folge ohne Ende, Symbol einer Rationalität, die stets weiterrechnet, ohne je anzukommen.

Die Nacht – Mythen und Symbolsprache

Mit der Dunkelheit verändern sich unsere Gespräche. Am Feuer, im Kino oder heute im Schein der Bildschirme steigen Mythen auf. Die Anthropologin Polly Wiessner hat gezeigt: In traditionellen Kulturen war der Tag den praktischen Belangen vorbehalten, die Nacht aber den Geschichten. Mythen verbanden Menschen, sie erzeugten Gemeinschaft.

Auch Erich Fromm und C. G. Jung haben die Bedeutung der Symbolsprache betont: Sie ist die Sprache des Unbewussten, die uns mit tieferen Schichten unseres Selbst verbindet. Sie vermittelt Sinn nicht durch Argumente, sondern durch Bilder. Geschichten in der Nacht schaffen eine gemeinsame emotionale Frequenz – sie lassen Menschen zusammen lachen, fürchten, hoffen.

Digitale Nächte – neue Lagerfeuer

Heute sind unsere „Nachtgeschichten“ digital. Serien auf Netflix wie Stranger Things oder Dark sind moderne Mythen, die ganze Gemeinschaften fesseln. Ihre Symbole, die verschlungenen Zeitlinien – werden sofort in Foren diskutiert, in Memes verwandelt, in Fanfiction weitergesponnen.

Gaming-Communities teilen ähnliche Rituale: Spieler*innen von World of Warcraft oder Elden Ring erschaffen kollektive Legenden, die weit über das Spiel hinauswirken. Hier werden digitale Abenteuer zu geteilten Mythen, die Identität und Gemeinschaft stiften.

Auch auf TikTok und YouTube entstehen Geschichten in Serie. Kurze Clips entwickeln sich zu globalen Narrativen: urbane Legenden, Fantheorien, spontane Meme-Ketten. Sie werden weitererzählt, variiert, ins Unendliche transformiert – wie moderne Märchen, die blitzschnell den Globus umrunden.

Flusser und die Rückkehr des Feierns

Hier wird Vilém Flussers Gedanke aktuell. In Ins Universum der technischen Bilder schrieb er, dass die Telematik uns – paradoxerweise – wieder zum „eigentlichen“ Menschsein führen könnte: zum zwecklosen Spiel miteinander. Digitale Medien sind nicht nur Werkzeuge des Kalküls, sondern auch Räume. Sie ermöglichen das gemeinsame Erzählen, die Schaffung von Mythen und Archetypen im virtuellen Raum.

Der Kreis schließt sich

Wie im Zen-Buddhismus das Ensō – der gezeichnete Kreis – einen Moment der Einheit von Körper, Geist und schöpferischem Ausdruck symbolisiert, so schließen Geschichten den Kreis zwischen Tag und Nacht.

Tagsüber zählen wir, nachts erzählen wir. Tagsüber berechnen wir die Welt, nachts begreifen wir sie. Zwischen Zahl und Mythos, Kalkül und Symbol, Ratio und Poesie entsteht jene Balance, die uns als Menschen auszeichnet.

Vielleicht liegt genau hier unsere Aufgabe: die digitalen Feuerstellen nicht nur funktional zu nutzen, sondern als Orte des Feierns, des Spielens und des gemeinsamen Erzählens zu verstehen.

Und vielleicht – um den Gedanken Vilém Flussers weiter zu denken – stehen wir heute erneut an einem Punkt, an dem wir uns an das „vergessene Feiern“ erinnern. Vielleicht führt uns der Umweg über die digitale Telematik zurück zum eigentlichen Menschsein: zu einem Dasein füreinander.

So schließt sich der Kreis: Am Tag folgen wir der endlosen Spur von π, einem Symbol der Rationalität, des Berechnens, des unabschließbaren Kalküls. In der Nacht jedoch zeichnet sich ein Ensō, der Kreis des Zen, als Symbol des schöpferischen Augenblicks, in dem Geist und Körper frei sind.

Zwischen π und Ensō spannt sich das Feld unseres Daseins: Zahl und Mythos, Ratio und Symbol, Kalkül und Fest.

Leseempfehlung
Wer tiefer über das Verhältnis von Aktivität und Kontemplation, von Zweckrationalität und zweckfreiem Dasein nachdenken möchte, dem sei Byung-Chul Han: Vita Contemplativa empfohlen. Han zeigt, dass das Denken, das Innehalten und das kontemplative Schauen keine bloße Untätigkeit sind, sondern eine wesentliche Quelle von Sinn und Wahrheit – eine Haltung, die das Erzählen, das Feiern und das Spiel in einen größeren Zusammenhang stellt.

Beitragsbild: Elisabeth Hödl

Zeichnung des Pi: Helena Hödl

Stempelbild mit Hase: Elisabeth Hödl