Neue Perspektiven
Über Kommunikation, festgefahrene Denkweisen und die Kunst, andere Möglichkeiten sichtbar zu machen.
Was mich beschäftigt, ist die Art und Weise, wie wir heute kommunizieren. In diesen Gedanken stieß ich auf den Text des Philosophen Vilém Flusser: „Die Tyrannei der Sender“ (1971).
Flusser beschreibt darin eine Krise unserer Kultur, die sich auch als Krise ihrer Kommunikationsstrukturen verstehen lässt.
Flusser unterscheidet zwischen dialogischen und diskursiven Formen der Kommunikation.
- Während der Dialog unterschiedliche Positionen miteinander ins Gespräch bringt,
- zielt der Diskurs darauf ab, Botschaften zu vermitteln und Wissen, Meinungen oder Überzeugungen weiterzugeben.
Flusser ortet eine Verschiebung zugunsten des Diskurses: An die Stelle des wechselseitigen Austauschs tritt eine Kommunikation, in der Sender Botschaften verbreiten und Empfänger diese aufnehmen.
Unsere Gegenwart, so scheint es, ist voller Sender. Wir präsentieren, publizieren, posten, informieren und überzeugen. Organisationen entwickeln Strategien und kommunizieren Leitbilder. Experten vermitteln Wissen, Führungskräfte geben Ziele vor, Technologien liefern Antworten. Noch nie konnten wir so viele Informationen so schnell verbreiten.
Aber bedeutet mehr Kommunikation auch mehr Verständigung?
Wenn alle senden, wer hört dann zu?

Foto: Elisabeth Hödl, Gestaltung mithilfe von ChatGPT (OpenAI), KI-generiertes Bild, 2026.
Wir kennen das aus unserem Alltag: Meetings, in denen Positionen wiederholt werden, ohne dass sich etwas bewegt. Diskussionen, in denen Argumente nicht mehr dazu dienen, etwas gemeinsam zu verstehen, sondern die eigene Position zu verteidigen. Strategien, die überzeugend präsentiert werden, aber an den tatsächlichen Problemen der Menschen vorbeigehen.
Es wird kommuniziert, aber nicht unbedingt miteinander gedacht.
Das Problem liegt dabei nicht allein in der Qualität einzelner Botschaften. Es liegt auch in der Struktur, innerhalb derer Kommunikation stattfindet.
Wer spricht? Wer wird gehört? Welche Perspektiven gelten als relevant? Und gibt es überhaupt einen Raum, in dem sich die Beteiligten von den Gedanken der anderen verändern lassen?
Gerade in Organisationen ist diese Frage entscheidend. Hier treffen unterschiedliche Fachgebiete, Interessen, Erfahrungen und Verantwortlichkeiten aufeinander. Doch häufig bleiben diese Perspektiven nebeneinander bestehen. Die Juristin sieht rechtliche Grenzen, der Techniker technische Möglichkeiten, die Geschäftsführung wirtschaftliche Risiken und die Wissenschaft neue Erkenntnisse.
Das ist zunächst kein Fehler. Es ist sogar die Voraussetzung dafür, komplexe Sachverhalte aus verschiedenen Blickwinkeln zu verstehen.
Schwierig wird es, wenn die jeweiligen Perspektiven nicht mehr miteinander in Beziehung treten. Wenn sie zu getrennten Wirklichkeiten werden. Was passiert?
Missverständnisse entstehen, verhärtete Positionen. Lösungen, die innerhalb einer Disziplin plausibel erscheinen, funktionieren aber nicht im Zusammenspiel.
Was aber kann man tun?
Eine Annahme sichtbar zu machen, ist noch kein Dialog. Wir können unsere Überzeugungen offenlegen, um sie zu erklären und zu verteidigen. Dann senden wir eine Botschaft. Dialogisch wird es dort, wo wir unsere Annahmen gemeinsam zum Gegenstand des Denkens machen. Wo wir nicht nur die andere Perspektive kennenlernen, sondern zulassen, dass sie unsere eigene verändert. Vielleicht liegt darin die eigentliche Kunst des Dialogs: nicht darin, die eigene Sicht überzeugender zu vermitteln, sondern darin, gemeinsam etwas zu entdecken, das keine der beteiligten Perspektiven allein hätte hervorbringen können.

Was wäre, wenn wir Kommunikation nicht in erster Linie als Übermittlung von Wissen und Überzeugungen verstehen würden, sondern als Möglichkeit, gemeinsam etwas Neues hervorzubringen?
Ein solcher Dialog verlangt mehr, als unterschiedliche Meinungen anzuhören. Er setzt voraus, dass wir die eigenen Annahmen sichtbar machen, andere Perspektiven ernst nehmen und bereit sind, die Fragestellung selbst zu überprüfen.
Dazu braucht es in den Worten Flussers auch schöpferische Imagination: die Fähigkeit, sich andere Zusammenhänge vorzustellen, vertraute Kategorien zu hinterfragen und Möglichkeiten zu denken, die bislang außerhalb des eigenen Vorstellungsraums lagen.
Schöpferische Imagination
Das Selbstverständliche in Frage stellen
Zusammenhänge suche, die unsichtbar waren
Eine andere Zukunft denken
Textgestaltung Elisabeth Hödl – Human in the Loop ave ChatGPT.
