Die Gemeinschaft der Krakeneier

Was passiert mit Kreativität und Verantwortung, wenn KI nicht nur Werkzeuge liefert, sondern unsere Wahrnehmung prägt? Eine Annäherung an Bedeutung, Resonanz und die Frage, wer eigentlich noch entscheidet.

Nach meinem letzten Beitrag – der zugleich ein Experiment war – blieb ich erst einmal sprachlos zurück. Eine Frage zog sich durch alle Gespräche danach: Spiegelt Künstliche Intelligenz am Ende genau das, was wir sein wollen? Wie entsteht Bedeutung?

Mich ließ das nicht los. Wovon reden wir eigentlich, wenn wir heute von „künstlichem Schaffen“ sprechen? Für welches Verständnis von Kreativität habe ich mich all die Jahre eingesetzt? Was bedeutete mein Glaube an die Bedeutung der Kunst für die Gesellschaft? Wer handelt, wer entscheidet, wer trägt Verantwortung – und wer ist kreativ, wenn KI immer stärker daran beteiligt ist, Bedeutung zu erzeugen?

Kurz darauf nahm ich an einem Drink and Draw-Abend teil. Menschen saßen zusammen, tranken etwas, zeichneten oder malten. Jede und jeder für sich – und doch in einer gemeinsamen Stimmung. In diesem Moment wurde mir klar: KI ist längst nicht mehr nur ein Werkzeug, das wir benutzen. Sie prägt, wie wir wahrnehmen, kommunizieren und Entscheidungen treffen. Und genau dadurch gerät etwas Zentrales unter Druck: die Frage, wie Bedeutung entsteht.

Wenn Bedeutung entsteht, ohne dass jemand sie „meint“

Oft denken wir Kommunikation so: Jemand hat eine Absicht, benutzt Worte oder Bilder, und jemand anderes versteht sie. Doch genau dieses Modell gerät durch KI ins Wanken.

Generative KI produziert Texte, Bilder, Musik oder Videos, ohne selbst etwas „meinen“ zu müssen. Bedeutung entsteht hier nicht mehr nur durch klare Zeichen oder bewusste Aussagen, sondern durch Zusammenhänge, Stimmungen, Wahrscheinlichkeiten und Kontexte. Man könnte sagen: Die Wirkung entsteht, bevor überhaupt klar ist, wer eigentlich spricht.

Das nennt man post-symbolische Kommunikation. Gemeint ist damit eine Form der Bedeutungsentstehung, die nicht mehr ausschließlich über eindeutige Symbole wie Wörter oder Zeichen funktioniert. Stattdessen wirken Dinge gleichzeitig: Bilder, Ton, Rhythmus, Kontext, emotionale Resonanz. Vieles davon passiert unauffällig – manchmal sogar unterhalb unserer bewussten Aufmerksamkeit.

Wenn KI wirkt, ohne dass sie spricht

Stell dir vor, du scrollst durch Social Media. Du liest keinen zusammenhängenden Text, niemand erklärt dir etwas. Stattdessen siehst du Bilder, kurze Clips, Stimmungen, Sounds. Ein KI-System entscheidet, was dir als Nächstes gezeigt wird – nicht aufgrund einer klaren Botschaft, sondern auf Basis dessen, was bei dir wirkt.

Vielleicht bleibst du länger hängen. Vielleicht verändert sich deine Stimmung. Vielleicht kaufst du etwas, teilst einen Beitrag oder hast plötzlich das Gefühl, „so denken gerade viele“. Niemand hat dir explizit etwas gesagt – und doch hat sich etwas verschoben.

Genau hier wird post-symbolische Kommunikation greifbar. Die Wirkung entsteht nicht durch einen einzelnen Satz oder ein klares Zeichen, sondern durch die Abfolge, den Rhythmus, die Wiederholung, die Atmosphäre. Bedeutung entsteht, ohne dass sie jemand eindeutig formuliert oder verantwortet.

Ein ähnlicher Effekt zeigt sich bei KI-generierten Bildern oder Texten. Ein Bild fühlt sich „stimmig“ an, ein Text klingt „richtig“, obwohl niemand ihn bewusst so gemeint hat. Wir reagieren auf Resonanz, nicht auf Argumente. Auf Eindruck, nicht auf Aussage.

Das macht diese Form der Kommunikation so wirksam – und so schwer zurechenbar. Denn wer trägt Verantwortung für eine Wirkung, die entsteht, ohne dass jemand sie klar beabsichtigt hat?

Das Problem dabei: Wo Bedeutung wirkt, ohne eindeutig zuordenbar zu sein, wird Verantwortung unscharf. Wer hat entschieden? Wer hat beeinflusst? Und wer trägt die Folgen?

Die „Gemeinschaft der Krakeneier“

Eine überraschend hilfreiche Denkfigur findet sich bei dem Medientheoretiker Vilém Flusser. In seinem Buch Vampyroteuthis infernalis entwirft er eine Art Gegenbild zum Menschen: ein Wesen, das nicht über Schrift, Distanz und klare Zeichen kommuniziert, sondern über Nähe, Körperlichkeit und Beziehung. Bedeutung entsteht hier nicht durch Sprache, sondern durch Resonanz.

Daran anknüpfend spreche ich von einer „Gemeinschaft der Krakeneier“. Als Metapher beschreibt sie eine Gemeinschaft, die nicht primär durch Regeln, Texte oder explizite Vereinbarungen zusammengehalten wird, sondern durch geteilte Wahrnehmung, Stimmungen und Verletzlichkeit. Man versteht sich, ohne alles auszusprechen. Man reagiert, bevor etwas klar benannt ist.

Genau solche Resonanzräume werden durch KI verstärkt – und gleichzeitig schwerer greifbar.

Warum der Mensch trotzdem im Spiel bleiben muss

Die europäische KI-Verordnung bringt hier einen wichtigen Gedanken ins Spiel: den Human in the Loop. Gemeint ist, dass bei sensiblen Anwendungen immer ein Mensch Teil der Entscheidungskette bleiben muss. Nicht als Feigenblatt, sondern als verantwortliche Instanz.

Dabei geht es um mehr als Kontrolle. Es geht darum, dass Verantwortung zugeordnet werden kann. Besonders deutlich wird das beim Verbot sogenannter subliminaler Techniken – also Methoden, die unser Verhalten beeinflussen, ohne dass wir es merken. Geschützt wird hier nicht nur unsere Entscheidung, sondern unser Wahrnehmungsraum selbst.

Fazit

Der menschliche Faktor ist kein nostalgischer Rückgriff auf eine analoge Vergangenheit. Er ist die Grenze, an der Technik gesellschaftlich und rechtlich tragfähig bleibt. Wo niemand mehr verantwortlich gemacht werden kann, verliert das Recht seinen Adressaten.

Die „Gesellschaft der Krakeneier“ macht sichtbar, dass Kreativität, Autonomie und Bedeutung nicht erst dort entstehen, wo wir bewusst entscheiden oder sprechen, sondern schon viel früher – in vor-sprachlichen, emotionalen und resonanten Räumen.
Eine zentrale Aufgabe besteht darin, genau diese Räume zu schützen, ohne sie vollständig zu kontrollieren oder zu normieren.

Beitragsbild: Kristina Gorke fotografierte mich beim Drink and Draw, Art_Happening von Julia Kastler in Kooperation mit accomplices – Verein zur Erkundung multimedialer Ausdrucksformen im Kunst- und Kulturverein Am Glacis

Abb der Krakeneier: Holger Krisp, Creative Commons, Attribution 4.0 International