Häufig wird die moderne Gesellschaft als unpersönliche Massengesellschaft charakterisiert. Dies hat nicht zuletzt mit der ökonomischen Bewertung der Gesellschaft zu tun. Aber Wirtschaft ist nur ein Moment des gesellschaftlichen Lebens neben anderen. In „Liebe als Passion“ erläutert der Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann, was unter der Codierung von Intimität verstanden werden kann.

Wer die Gesellschaft als Wirtschaftssystem begreift, wird zur Vorherrschaft unpersönlicher Beziehungen finden. Dies hat nicht zuletzt mit dem Bild des Homo Oeconomicus zu tun, dem rationalen Agenten, der zugleich ein Nutzenmaximierer ist. Insofern erscheint die Gesellschaft, wenn man darunter die Gesamtheit möglicher Beziehungen versteht, als vorwiegend unpersönlich.

Zugleich aber gilt für den Einzelnen auch, dass er die Möglichkeiten hat in einigen Fällen in persönliche Beziehungen zu investieren.

Für die Selbstidentifikation als Grundlage für das eigene Erleben und Handeln reicht es nicht aus, um die Existenz des eigenen Organismus zu wissen, einen Namen zu haben und durch allgemeine soziale Kontakte wie Alter, Geschlecht, sozialen Status und Beruf fixiert zu sein.

Der Einzelne muss in seiner Differenz zur Umwelt auch Bestätigung finden, ebenso darin, wie er diese Differenz handhabt. Daraus ergibt sich der Bedarf für eine verständliche, vertraute, heimische Nahwelt.

Damit zeichnet sich die Gesellschaft im Ubiquitous Computing durch die Möglichkeit aus, sowohl eine Vielzahl unpersönlicher als auch eine begrenzte Anzahl intensiver persönlicher Beziehungen zu führen.

Komplexität

Individualisierung der Person und Nahweltbedarf laufen jedoch nicht unbedingt parallel zueinander ab. Der Einzelne benötigt die Differenzierung von Nahwelt und Fernwelt. Er benötigt die Differenz der persönlich geltenden Erfahrungen, Einschätzungen, und Reaktionsweisen zu der anonym konstituierten Welt, die für alle anderen gleichermaßen gilt.

Abb.: ubifacts/gemeinfrei
Die Privatheit meiner Schriftzeichen und Notizen verstehst nur du, der mich liebt

Der Einzelne muss diese Differenz benutzen können, um Informationsgewinnung zu kanalisieren.  Er muss nicht nur in dem was er selbst ist, sondern auch in dem, was er selbst sieht, Resonanz finden können. Es wird sohin zur Bedingung für die Ausdifferenzierung einer gemeinsamen Privatwelt, dass jeder die Welt des anderen mittragen kann (obwohl er sie höchst individuell erlebt) – denn ihm oder ihr kommt in dieser Welt eine Sonderstellung zu. Diese Sonderstellung besteht darin, in der Welt des anderen als diejenige Person vorzukommen, die geliebt wird.

Die Rede ist von der Ausdifferenzierung einer Semantik zur Codierung von Intimbeziehungen. (Niklas Luhmann, Liebe als Passion, Frankfurt am Main 1982.)

Codierung von Intimität

Liebe erscheint nun als eine eigenständige Sphäre mit eigenen Rechten und einer eigenen Logik. Exzess, Übertreibung und zeitliche Begrenzung sind genauso Bestandteil dieses Codes, wie die Logik des Misstrauens, der Verteidigung und der Eroberung.

Dies kommt nicht zuletzt in der Liebeslyrik zum Ausdruck, wie in dem Gedicht aus Goethes Paralipomena zum Faust deutlich wird:

An Amor!

„Erlogen ist das Flügelpaar,

Die Pfeile, die sind Krallen,

Die Hörnerchen verbirgt der Kranz,

Er ist ohn‘ allen Zweifel,

Wie alle Götter Griechenlands,

Auch ein verkappter Teufel.“

Abb.: wikipedia/gemeinfrei
Allegorie des Triumphes der Venus
Angelo Bronzino

Die von Liebenden geschaffenen Sphären füllen die Netze im Ubiquitous Computing also mit einer eigenen Logik auf, einer Logik der Unberechenbarkeit, der Dehnbarkeit, des Irrationalen. Und genau in dieser Umkehrung des wirtschaftlichen Effizienzprinzips liegt die Qualität dieses Kommunikationscodes für die Gesellschaft.

Auf diese Weise betrachtet, funktioniert Liebe eben nicht zweckrational und linear, sondern wie elastische Fasern in den Geweben der Netze (zur Kommunikation als Gewebe vgl Serrres).

Die elastischen Fasern der Liebe

Elastische Fasern sind ein Bestandteil der extrazellulären Matrix und diese ist der Anteil tierischen Gewebes (vor allem im Bindegewebe), der zwischen den Zellen im sogenannten Interzellularraum liegt. Sie verleihen dem Gewebe Mobilität. Die Codierung von Intimität gibt den technischen Netzen – wenn man die Metapher der Welt als die eines techno-organischen Gebildes akzeptiert – kommunikative Elastizität.

Bei Erich Fromm ist der entscheidende Faktor der Liebe, das zweckfreie Sein. Wenn eine Kultur Platz dafür findet, das auf Zwecke gerichtete Denken zu verringern, es also nicht an die erste Stelle zu setzen, sondern das Sein selbst präferiert, gewinnt eine Gemeinschaft Substanz.

Fromm spricht von zweckfreier Unterhaltung, dem gemeinsamen Tanz, dem Spiel, sowie von allen anderen Tätigkeiten des Lebens, die man ausübt, ohne damit einen Zweck zu verfolgen. Nach Fromm gehört insbesondere die Liebe zu den besonderen Formen dieses zweckfreien Seins.

 Abb.: wikipedia/gemeinfrei

 

©UBIFACTS/2013