Maneki-Neko – die japanische Glückskatze – winkt uns mit der Pfote zu. So wie manche Menschen heute völlig Unbekannten im Internet ihre Gedanken, Ideen, Bilder, Konzepte und Wissen schenken, so schenkt man diese Katze einem Fremden. Warum aber sollte jemand freiwillg und vielleicht mühsam erarbeitete Informtionen ohne Gegenwert mit anderen teilen wollen? Wir leben in der Access Society sagt der Ökonom Jeremy Rifkin …

Der Source-Code

Der Source-Code ist der Programmtext einer Software. Dieser ist nicht nur urheberrechtlich geschützt, sondern zudem ein „trade secret“, also ein Geschäftsgeheimnis, wenn es um die Vermarktung von Software geht. Software als Eigentum heißt: die Programmierung von Computern kombiniert zweckgerichtetes Denken mit literarischer Erfindungskunst.

So heißt es auch in Art 1 Abs 1 der RL 2009/24/EG über den Rechtsschutz von Computerprogrammen, dass Computerprogramme als literarische Werke im Sinne der Berner Übereinkunft zum Schutze von Werken der Literatur und der Kunst zu begreifen sind.

Ein Sprung zurück

Doch machen wir zunächst einen Sprung zurück und blicken wir in die Tage der Computerindustrie der 60er und der frühen 70er Jahre. Hardware war teuer und das Geschäft wurde von IBM dominiert. IBM entwickelte auch Software und verschenkte diese an ihre Kunden (die Programme waren zwar urheberrechtlich geschützt, aber die Software wurde samt Source-Code und ohne Aufpreis mit der Hardware mitgeliefert, verbunden mit der Ermutigung, daran Verbesserungen vorzunehmen). In dieser Hinsicht war diese Computer-Software frei und die Lieferbedingungen erlaubten und förderten es explizit zu Experimentieren und Änderungen und Verbesserungen vorzunehmen. (Quelle: Eben Moglen, Der Anarchismus triumphiert).

IBM war aber nicht der größte Verkäufer von vielseitig einsetzbarer Software. Der Telefonmonopolist American Telephone & Telegraph (AT&T) war größer als IBM und bei der Forschungstochter Bell Labs wurde in den späten 60er Jahren das UNIX-Betriebssystem entwickelt. Die Idee: ein Betriebssystem, das auf die Größe aller verschiedenen Computer zugeschnitten war. AT&T hatte die Rechte an der Programmiersprache „C“  und so mussten Nutzer die Lizenzen erwerben – für große Forschungseinrichtungen kein Problem – wohl aber für private Nutzer und Programmierer.

Freie Software

Es war Richard M. Stallmann vom MIT, der ein Projekt entwickelt, das wirklich freie Software sein sollte. Freie Software sollte eine Frage der Freiheit sein, nicht des Preises. Jeder sollte solche Software frei verändern und neu vertreiben und verkaufen können – mit der einzigen Einschränkung, dass er nicht versuchen sollte, die Rechte seiner Abnehmer zu beschneiden. Das System sollte GNU genannt werden. Es kam zur Stiftung Freie Software (Free Software Foundation).

Linus Torvalds legte schließlich 1991 die Veröffentlichung eines freien Software-Kernels im Internet für ein UNIX-ähnliches PC-Betriebssystem vor (Linux), der mit den von Stallmann entwickelten GNU-Komponenten voll kompatibel war und auf diesen aufbaute. Da Torvalds den Kernel unter der Allgemein Öffentlichen Lizenz (General Public License) der Free Software Foundation veröffentlichte, konnten tausende Programmierer sicher sein, dass ihre Beiträge zur Weiterentwicklung einer freien Software führten, die von niemandem als proprietäres Produkt vereinnahmt werden konnte.

Jeder wusste, dass jeder am Projekt Beteiligte die eigenen Beiträge tauschen, verbessern und verbreiten konnte. Die Programmierer waren fast ohne Hierarchie in einem Entwicklungsprojekt vereinigt, das mehr als eine Million Computer-Code-Zeilen hervorbrachte. (Vgl Eric S. Raymond, Die Cathedrale und der Bazar).

Richard Stallmanns Leistung war damit nicht ein Stück Computer-Code – der Erfolg der freien Software (eingeschlossen der GNU/Linux) entspringt vielmehr der Fähigkeit, außerordentliche und hochwertige Leistungsbereitschaft für Projekte immenser Größe und Komplexität freizusetzen. Es ist der juristische Rahmen der General Public License, der zum Erfolg führte: Urheberrechtsregeln dazu zu verwenden, um ein gemeinsames Ganzes im Cyberspace zu schaffen. Und aus welchem Grund sollten Programmierer das tun?

Freiwillig und unentgeltlich?

Es ist eine Ur-Eigenschaft des menschlichen Geistes resümiert Eben Moglen, Vorsitzender und Gründer des Software Freedom Law Centers, kreativ zu sein. „Homo ludens trifft Homo faber“.

Was der Software passierte, passiert heute in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft.

Access Society

Der US-amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin hat für diese Prozesse den Begriff „access society“ geprägt (The Age of Access, 2000). Er beschreibt den kulturellen Wandel, der unter anderem durch das Medium Internet ausgelöst wurde. Das Internet ist eine soziale Form des Zusammenseins, es ist die Form einer Netzgesellschaft, in der es möglich ist, direkt und ohne Vermittlung mit jedem verbunden zu sein.

Die Nutzung von Ressourcen findet nach Rifkin heute auf zwei Ebenen statt:

  • Kommerzielle Angebote: Hier geht es um das Geldverdienen in der Wirtschaft
  • Kostenlose und freie Angebote: Leute erstellen diese in ihrer Freizeit, es geht um Schenken, Teilen, Sich-Ausdrücken und Kreativität.

Möglich sei dies durch die rechtliche Basis, also die Lizenzen, die sich am Open Source Gedanken orientieren. Die Finanzierung großer Projekte erfolgt oftmals über Spenden. Nun kann das Teilen von Informationen und das gemeinsame Entwickeln von Ideen und Projekten dem Leben einen Sinn geben.

Ein Programmierer, der bei einem internationalen Technologie-Unternehmen beschäft ist, sagte zu mir: „Wenn jemand beim Programmieren ein Probleme hat und es ist ein Open-Source-Projekt und er sagt: ‚Hey, da ist ein Bug und ich komme nicht weiter‘. Dann mache ich mich in der Freizeit sofort an die Arbeit, weil ich es freiwillig tue und spannend finde … ich will derjenige sein, der das Problem lösen kann. Das ist der Unterschied zu meinem Brotberuf –  es ist ein geistiges Artefakt und das macht Spass.“

 

Abb:. Beitragsbild: wikipedia/gemeinfrei; ubifacts/gemeinfrei

 

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